Dicke Madames made in Rheine

Frauenskulpturen von Barbara Hänsel stehen inzwischen sogar in Übersee / Hobby wird zum Beruf

Barbara_Haensel-kd- RHEINE. Manche Figuren wachsen Barbara Hänsel sehr ans Herz. So sehr, dass sie sie am liebsten gar nicht mehr abgeben möchte. Wie zum Beispiel das mollige Mädchen mit den Zöpfen und den Rollschuhen, das sie quasi adoptiert hatte. Auf einer Verkaufsmesse verliebte sich jedoch ein Ehepaar in die Figur und wollte sie unbedingt haben. Barbara Hänsel nannte einen unverschämt hohen Preis, um die Figur nicht abgeben zu müssen. Doch das Paar akzeptierte, blätterte die Scheine hin und nahm das Mädchen mit. „Da sind mir wirklich die Tränen gekommen“, erzählt Barbara Hänsel.

Sie sei nicht so die „Verkaufskanone“, sagt sie. Die Verkaufskanone sei eher ihr Mann Hans. Der IT-Spezialist im Vorruhestand macht den Papierkram, transportiert die Figuren, baut den Verkaufsstand auf Messen auf, sorgt für Publicity. Er hält seiner Frau den Rücken frei, damit sie sich ganz ihren dicken Madames widmen kann. Denn „Dick-Madame“ ist das Markenzeichen von Barbara Hänsel. Die hat sie sich sogar patentieren lassen. Schließlich stehen ihre unter diesem Label vermarkteten Skulpturen in vielen Ländern der Welt – in Finnland, Russland, Frankreich, Spanien oder in den USA. Was vor 20 Jahren als Hobby begann, ist längst ein Full-Time-Job für die ehemalige Schaufenstergestalterin geworden. Ihre bunten Frauenfiguren mit den üppigen Formen sind garantiert auch ein Hingucker auf der „Landpartie“ auf Schloss Lembeck, wo Barbara Hänsel an diesem Wochenende bis Sonntag ausstellt.

Lembeck ist eine der bekanntesten Lifestyle-Messen in Deutschland. Rund 120 Aussteller präsentieren im Park und im Schloss Besonderheiten der gehobenen ländlichen Lebensart. Schönes aus Mode & Schmuck, Wohnen & Einrichtung, Garten, Lebensart sowie Kulinarik. Gartenarchitekten, Rosenzüchter und andere „grüne“ Experten bieten alles rund um das „grüne Wohnzimmer“. Inneneinrichter zeigen, wie man morgen wohnen wird. Wer das nötige Kleingeld hat, kann hier auch mal eben ein Luxusauto erwerben. 15 000 bis 30 000 Besucher werden erwartet. Die meisten suchen aber nach dem gewissen Etwas für Heim und Garten. Und bleiben dabei oft vor den Figuren von Barbara Hänsel stehen. „Manche kaufen so eine Figur auch als Geschenk. Zum Beispiel zu einem runden Geburtstag“, erzählt Barbara Hänsel.

Alles begann vor 20 Jahren mit einer ersten Skulptur aus Beton. Die steht heute noch im Garten der Hänsels. Doch das Material ließ sich nur schlecht bemalen. Barbara Hänsel experimentierte weiter und stieß auf eine Modelliermasse auf Holzbasis. Die ist zwar nicht wasserfest und trocknet extrem langsam, nimmt aber gut Farbe an. Auch die Figuren selbst entwickelten sich – weg von den ersten, relativ plumpen Frauenskulpturen hin zu den heutigen üppigen Damen mit freizügigem Dekolleté, mal elegant, mal sportlich, mal burschikos.

Die Männer spielen im Leben der Dick-Madame übrigens nur eine Nebenrolle, als fotografierender Paparazzo zum Beispiel. Mit ihren barocken For- men entsprechen die Dick-Madames von Barbara Hänsel so gar nicht dem gängigen Schönheitsideal. Als bewussten Protest gegen den heutigen Schlankheitswahn sieht die Künstlerin ihre Figuren aber nicht. „Dünne Figuren sagen mir einfach nichts, fordern mich nicht heraus“, findet sie.

Inspirationen für ihre Frauenfiguren findet Barbara Hänsel überall. In Modejournalen zum Beispiel. Oder bei alten Meistern wie Leonardo da Vinci oder Michelangelo. Manchmal auch in Kinderbüchern. Wie genau sie ihre Figuren baut, will Barbara Hänsel nicht verraten. Nur so viel: Auf ein Drahtgestell bringt sie die Modelliermasse auf. Der Rohling muss dann eine Woche trocknen. Für die Feinarbeit braucht die Künstlerin dann nur noch ihre Hände und ein Messer. „Und einen Zahnstocher – für die Nasenlöcher.“

250 Einladungen zu Verkaufsmessen bekommt die Rheinenserin pro Jahr. Natürlich kann sie die nicht alle annehmen. „20 maximal“, sagt sie. „Ich brauche ja auch noch Zeit für meine Figu- ren.“ Schon jetzt kann sie die vielen Kundenwünsche kaum noch erfüllen. Oft steht sie nachts bis um ein Uhr morgens in ihrem Atelier im Keller. Trotzdem müssen manche Kunden Wartezeiten bis zu einem Jahr in Kauf nehmen. Gern würde sie mehr Zeit für ihren Mann Hans haben. „Aber das ist das Leben, das wir uns ausgesucht haben“, sagt sie.

Münsterländische Volkszeitung vom 06.06.2015

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